Donnerstag, 22. Dezember 2016

Jahresendzeitworte

Meine Jahresendzeitworte richten sich weder an das Klima, noch die Politik, noch die Weltlage. Es gibt wahrlich schon (zu?) viele Interpretationen und Meinungen zu diesen Themen. Ich möchte ein paar Gedanken zu Stimmungen und Werten teilen.

Ich bin der Überzeugung, dass sich alles auf allen Ebenen wiederholt. So bestehen wir aus vielen einzelnen Zellen und sind doch ein Individuum. Eine Zelle ist eine Stadt mit Fabriken, Rechenzentren und Kraftwerken. Zellwände sind Grenzen - durchlässig für bestimmte Substanzen, für andere nicht. Städte und Strassen sehen auf Luftbildern aus wie Nervenzellen oder Blutbahnen. Die Funktionen sind ähnlich: Waren und Stoffe werden transportiert, Informationen werden ausgetauscht. Zellen mit einem verwandten Zweck bilden Organe und diese wiederum die Komplexe Maschine "Körper", der mit einem Bewusstsein durchflutet ist, welches dem Organ oder der Zelle vermutlich schwer zugänglich ist. Durch Verwitterung gezeichnete Gebirge, Flussdeltas sehen aus grosser Höhe aus wie Farne oder Blattstrukturen oder feiner Sand am Meer, der durch den Wind verweht, Strukturen am Strand bildet. Alles findet sich in sich selbst wieder - nur auf unterschiedlichen Ebenen. Alles hängt zusammen.

Unsere Gruppen, Gesellschaften und Nationen sind ebenfalls Wesenheiten. Ihr Bewusstsein ist uns einzelnen nur schwer zugänglich. Man fühlt den Zeitgeist, die Trends, lebt die Kultur und in der Kultur und wird so vom Hauch des grösseren erfasst. Aber die eigentlichen Intentionen sind grösser als wir. Das können wir nicht ganz erfassen, nur erahnen.

Doch die Sorgen und Ängste des Einzelnen haben Einfluss auf die Stimmung des Grösseren. Sie wandern vom einen zum anderen - manchmal nicht einmal verbal, sondern rein auf der emotionalen Ebene. Eine Stimmung in einem Team oder in einer Organisation kann da durchaus Einfluss nehmen - die Gruppe "erkranken" lassen, durch zum Teil schwer nachvollziehbare Faktoren. Sind Missstimmungen gross genug, werden sie in Worte und Parolen gefasst, Schuldige gesucht und angeprangert - sehr oft leider die falschen. Durch das neue Nervensystem der Gesellschaften - das Internet - verstärkt, schiessen diese durch die Gemeinschaften und verändern sie. Ebenso überträgt sich die Stimmung des Grösseren auf uns alle - kann uns mitunter niederdrücken, obwohl wir mit vollem Magen in einem geheizten Wohnzimmer sitzen.

Mir scheint, derzeit sind die Gesellschaften erkrankt. Sie haben mehr als nur einen Schnupfen. Sie zicken rum, sind unvernünftig - zumindest ein laut hörbarer Teil. Sollten wir uns nicht alle mal ein bisschen zurücknehmen? Schauen was wir haben, was wir geben können? Sollten wir uns nicht in Gelassenheit üben und versuchen mit klarem Kopf und Herz die Dinge anzugehen? Sollten wir nicht versuchen unsere Werte hochzuhalten: Nächstenliebe, Freiheit, Gerechtigkeit, Toleranz, um nur einige zu nennen? Im Alltag, bei den Nachbarn, den Freunden, in der Familie, bei Fremden?

Vielleicht kann das Grössere von Innen her gesunden? Wir stehen an einer Schwelle zu einem neuen Zeitalter. Die intelligenten Gegenstände, die in naher Zukunft in unseren Alltag dringen, die künstliche Intelligenz und alles was damit zusammenhängt, werden in den nächsten Jahren die Welt noch mehr umkrempeln und vermutlich noch schneller, als es bis jetzt geschah. Könnte in diesem Wandel nicht die Menschlichkeit als Konstante stehen? Die Werte, die unsere Gemeinschaften zusammenhalten und vielleicht endlich zu einem Weltbewusstsein zusammenwachsen? Wir sind Menschheit! Wir sind im Wandel, aber wir sind und bleiben Menschheit. Eine Menschheit mit Werten, die jedem Einzelnen Chancengleichheit und Gerechtigkeit einräumen sollen! Eine bunte Menschheit mit vielen Facetten, Kulturen, Hautfarben, Religionen und einem gemeinsamen Fundament.

Diese Werte sind grösser als der Einzelne. Man kann es spüren, erahnen. Sie sind derzeit oft still, zu still in meinen Ohren. Und selbst wenn wir an ihnen immer wieder versagen, ihnen nicht gerecht werden können, so lohnt es sich, sie vor Augen zu haben und ihre Verwirklichung anzustreben. Das Kleine kann auf das Grössere Einfluss haben.


Ich fürchte, so ganz kam ich nicht an der Weltlage vorbei und bitte um Entschuldigung :)

Ich wünsche allen besinnliche Feiertage und einen guten Rutsch ins neue Jahr. Möge es uns mit Gelassenheit, Besonnenheit und Frieden beschenken.

Andreas Kardin